Der wilde Westen (1): Mullet Halbinsel, Mayo

Eine Reise nach Irland im Herbst ist unplanbar. Zumindest was eine verlässliche Kleiderwahl betrifft. Ist das Ziel der Reise dann auch noch der dem Wechselspiel des Atlantik völlig hilflos ausgelieferte Nordwesten der grünen Insel, kann man sich (und seine Garderobe) auf einen bunten Mix aus Regen, viel Wind, Hagel und natürlich Sonne einstellen. So waren es im letzten Oktober während der 3-tägigen Reise durch das County Mayo auch nicht weniger als 8 Regenbögen, die als ständige Begleiter hinter jeder Biegung warteten.
Es war ein stürmisches Wochenende und das Flugzeug hatte bei seiner Landung auf dem Dublin Airport schwer mit Seitenwinden zu kämpfen. Mit dem Mietwagen ging es dann einmal quer durch Irland in das nordwestliche County Mayo. Zielort war das kleine Städtchen Belmullet, welches auf dem schmalen Landstück zwischen dem Festland und der langgezogenen Halbinsel, der Mullet Peninsula liegt. Von hier aus begann die Rundreise über eine der verlassensten und ursprünglichsten Gegenden auf Irland.
Die Mullet Peninsula ist einer der westlichsten Punkte auf Irland und sehr spärlich besiedel. Belmullet ist hier bereits die größte zusammenhängende Siedlung – mit unter 1.000 Einwohnern (lt. Wikipedia, Stand 23.02.2015). Einige wenige Straßen durchkreuzen die Insel und verbinden die wenigen kleinen Siedlungen miteinander. Bestimmt wird der Takt der Mullet Peninsula durch den allgegenwärtigen Atlantik, der die Halbinsel umtost. So gibt es auch nicht weniger als drei Leuchttürme an den äußeren Posten im Norden, Westen und Süden der Halbinsel.
Broadhaven
Broadhaven
Das erste Zwischenziel war Broadhaven, der östlichste Punkt der Halbinsel und Namensgeber für die Broadhaven Bay, welche sich zwischen der Mullet Peninsula und dem nordöstlichen Festland befindet. Hier gibt es einen kleinen Hafen, in dem heute ein paar wenige Boote lagen während der Wind kräftig das Meer aufspülte und eine feine, salzige Gischt durch die Luft blies. Von hier sind es nur einige wenige Kilometer weiter nördlich bis zum ersten Leuchtturm, dem Broadhaven Lighthouse. Dieser neu (oder zumindest frisch gestrichen) wirkende Leuchtturm wird von einer kleinen Steinmauer umfasst und hat ein ganz und gar nicht neu wirkendes Nebengebäude. Hinter dem verschlossenen Tor blickt neugierig ein Schaf-Pärchen hervor ehe es schnell wieder das Interesse verliert und sich langsam zurück in Richtung Leuchtturm bewegt. Eine rauhe Steinkulisse bildet die Küste neben dem Leuchtturm und gibt einen ersten Eindruck davon, wie der Atlantik auf der Mullet Peninsula stetig mit dem Land kämpft. Der Blick von hier über die Broadhaven Bay reicht bis zum Benwee Head auf dem nordöstlichen Festland und der vorgelagerten Insel Kid Island.
Leuchtturm Broadhaven Lighthouse
Leuchtturm Broadhaven Lighthouse
Die Fahrt geht nun zunächst ein Stück die Straße zurück ehe es weiter zum nördlichsten Punkt auf der Mullet Peninsula geht: Erris Head. Hier sieht man das wilde Irland, denn die Klippen an Erris Head sind beeindruckend. Wer es erleben will, muss das Auto am Ende der Straße zurücklassen, denn Erris Head ist nur für Wanderer zugänglich. Völlig verlassen liegen hier aber schon nach wenigen Metern grüne, steile Klippen vor dem blauen Hintergrund des Atlantik, der unten unnachgiebig gegen die Küste brandet. Nordöstlich ist auch hier wieder Benwee Head mit Kid Island zu sehen. Doch unmittelbar nördlich von Erris Head kommt gar nichts mehr. Auch hier wandern Schafe über die grünen Wiesen und wirken von Wind, Klippen und Meer unbeeindruckt.
Schafe an Erris Head
Schafe an Erris Head
Von Erris Head aus führt der Weg wieder zurück in Richtung Belmullet, doch biegt die Straße nun westlich ab in Richtung Westküste der Mullet Peninsula. Durch flache, einsame Weite führt der Weg und nur sehr vereinzelt stehen Häuser am Straßenrand. Ein hoher Anteil der Häuser steht leer. Und das in vielen Fällen offensichtlich länger. Ob es die einsame Lage ist, das rauhe Wetter oder die Suche nach Arbeit? Im Vorbeifahren finden sich hierauf keine Antworten.
Nach wenigen Kilometern erreicht man wieder die Küste und die Straße führt nun dicht an den hohen Klippen entlang nach Dún na mbó. Hier befindet sich ein Loch in den Klippen, durch welches man auf die tosende Brandung herab schauen kann. Das Ganze ist aus Sicherheitsgründen künstlerisch umbaut, verliert dadurch aber nichts von seiner beeindruckenden Wirkung. Von hier blickt man auf die vorgelagerter Insel Eagle Island. Auf dieser steht, von Wellen umtost der zweite Leuchtturm auf der Mullet Peninsula, der Eagle Island Lighthouse.
Der wilde Atlantik bei Dún na mbó
Der wilde Atlantik bei Dún na mbó
Auch nun geht die Weiterfahrt zunächst wieder ein gutes Stück Weges zurück ehe sich die nächste Biegung in weiter südliche Richtung findet. Das nächste Etappenziel auf der Rundfahrt über die Mullet Peninsula ist Annagh Head, eine sich westlich in den Atlantik streckende Landzunge, welche nördlich eine kleine Bucht zwischen sich und dem Festland einschließt. Die Straße führt durch hohe Dünen fast über die gesamte Landzunge und nur der äußerste Posten, leicht erhöht, muss zu Fuß bestiegen werden. Hier herrscht heute der wilde Wind des Atlantik und bläst mit ungeheurer Kraft. Die Wellen branden unaufhörlich gegen Annagh Head an, weiße Schaumfetzen fliegen durch die Luft und hängen wie kleine Blüten an Grasbüscheln fest. Die Gischt hinterlässt einen feinen Salzwasserfilm auf der Haut. In der Ferne liegen südwestlich eine Gruppe versprengter kleinerer Inseln, welche durch Wind und Gischt aber nur schemenhaft erkennbar sind.
In schon gewohnter Manier führt der Weg jetzt zunächst fast wieder zurück bis Belmullet. Kurz vor dem Ort führt eine Straße wieder südlich, dieses Mal auf den langen, schlanken Südteil der Mullet Peninsula. Hier, noch in Nähe zu Belmullet befindet sich ein Golfplatz sowie das Belmullet Aerodrom, einem kleinen Flugplatz für Sportflugzeuge. Nur eine kurze Strecke weiter südlich besteht die Option, sich westlich zu halten und so zum Cross Lough zu gelangen. Dieser küstennahe See lässt sich in weiten Teilen mit dem Auto umfahren, will für eine vollständige Umrundung aber zu Fuß erwandert werden. Mit Verzicht auf diese Option verläuft die Strecke heute aber weiter südlich und nahe der flachen Küste entlang während die Mullet Peninsula sich teils bis auf wenige hundert Meter vereng. Im Osten liegt die Blacksod Bay, verglichen mit der wilden Atlantik-Seite, ein ruhiges Gewässer. Die Küstenlinie ist hier deutlich stärker geschwungener und zahlreiche Buchten wie Elly Bay prägen den östlichen Verlauf. Auf der westlichen Atlantikseite liegen die beiden Inseln Iniskea North und Iniskea South in den hohen Wellen vor der Küste, zerklüftet und, wie alle Inseln um die Mullet Peninsula herum, unbewohnt.
Es folgt Aughleam, ein winziger Ort und schließlich Blacksod, die östlichste Landspitze der Mullet Peninsula. Hier befindet sich der dritte von drei Leuchttürmen, das Blacksod Lighthouse, ein pragmatischer Bau der wenig mit dem klassischen Leuchtturm gemein hat. Auf einer Plakette an der Gebäudemauer erfährt man, dass von diesem Leuchtturm aus die Wettervorhersage stammte, die den Termin des D-Day im Jahr 1944 festlegte.
Von hier besteht die Möglichkeit, die Südspitze der Mullet Peninsula zu umrunden. Dabei passiert man einen spiralförmigen Steinkreis, welcher jedoch keinen keltisch-mythologischen Bezug hat, sondern ein Kunstwerk aus dem Tír Sáile, dem North-Mayo Sculpture Trail ist. Eine mystische Atmosphäre schwingt im Südteil der Halbinsel dennoch deutlich mit, zum Einen da im Hintergrund Achill Island im Dunst erscheint und ihre beiden hohen Berge Slievemore und Croghaun eine einmalige Kulisse bilden. Zum Anderen durch den kleinen Friedhof samt Kirchenruine bei Fallmore. Auch hier mit Achill Island als Rahmengeber im Hintergrund.
Achill Island von Fallmore aus
Achill Island von Fallmore aus
Die Straße beschreibt weiter ihren letzten Bogen und führt schließlich wieder nördlich die Blacksod Bay entlang zurück nach Belmullet. Hier, wo sie begann, endet auch die Rundfahrt über die zerklüftete Mullet Peninsula.
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